Doris Müllner 

Pleasure -
Filmkritik

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„Ich liebe einfach Schwänze“

Ein Blick hinter die Kulissen der Pornoindustrie – fiktiv und doch schmerzhaft real. 

Am 13. Januar kam der Film „Pleasure“ in die Kinos. Der Film von Ninja Thyberg beschreibt den steinigen Weg einer jungen Frau, irgendwann hoffentlich ein Pornostar zu werden.

Thybergs Debutfilm, der wiederum auf ihrem Kurzfilm von 2013 basiert, begleitet Linnéa, ebenfalls Schwedin, die in Los Angeles als Pornodarstellerin groß rauskommen will. Das Narrativ, geschaffen von einer weiblichen Regisseurin, dreht sich dabei um eine weibliche Protagonistin. Das ist für die Pornoindustrie sehr ungewöhnlich, illustriert diese doch primär den männlichen Blick, negiert dabei häufig die männlichen Darsteller und fokussiert sich auf den weiblichen Körper als Objekt. Thyberg macht aus diesem Objekt ihr Subjekt – sowohl vor als auch hinter der Kamera, denn Sofia Kappel, welche die Protagonistin spielt, war eng in die Produktion eingebunden. 

Wie Männer Frauen in Pornos sehen wollen 

Linnéa a.k.a Bella Cherry, wie sie sich von nun an nennt, passt mit ihrem normschönen Körper, den blonden Haaren und blauen Augen und ihrem jugendlichen Aussehen perfekt in das Körperbild der Frau in einem Mainstream-Porno. Das wird dadurch noch zusätzlich unterstrichen, dass sie eben genau diese Rolle bei ihrem ersten Dreh einnimmt, und ihr Partner in etwa dreimal so alt ist wie sie. Cherry, eine Anspielung auf Jungfräulichkeit im Englischen (pop someone’s cherry, also jemandem die Jungfräulichkeit nehmen) unterstreicht dies nochmal: Bei ihrem ersten Dreh poppt Bella dann auch ihre metaphorische Cherry – jedoch erst nach anfänglichen Zweifeln. 

 

Schattenseiten der Pornoindustrie

Zu Beginn scheint noch alles relativ rosig; Bella geht zu Castings, setzt Grenzen und ist selbstbestimmt. Doch der Wunsch, groß rauszukommen, führt sie in Richtung des Hardcore-und BDSM-Genres und ab dann wird der Film wirklich unangenehm. Unangenehm, nicht aus Prüderie oder Scham, sondern weil die Brutalität, der Körperhorror, die hinter solchen Filmen stecken können (natürlich gibt es hier auch Ausnahmen – diese sind jedoch selten im Mainstream-Porno zu finden), kommen ans Tageslicht. Besonders geschickt ist dabei Thybergs Narrativ, da Bella von den Produzent*innen (im Film ist immerhin eine davon eine Frau*) immer die Option bekommt, aufzuhören. Jedoch wird sie dann auch immer wieder dazu überredet, weiterzumachen: „Wir können jederzeit aufhören, aber du machst das bisher so toll. Vielleicht machen wir mal eine kurze Pause und dann geht es dir bestimmt gleich besser.“ Als Zuschauer*in füllt man sich in dieser Art der Manipulation regelrecht gefangen. 

Thyberg bleibt neutral 

Dennoch navigiert Thyberg immer zwischen unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Porno-Industrie, ohne sich explizit zu positionieren oder zu moralisieren. So zeigt sie zum Beispiel die Einsamkeit, welche dieses Geschäft mit sich bringen kann, unter anderem bedingt durch den Konkurrenzkampf unter den Darstellerinnen. Trotzdem schließt Bella Freundschaften, ohne aber dabei ihr Ziel aus den Augen zu verlieren. Wer sich allerdings dafür interessiert, was Bella dazu bewogen hat, in dieses Business einzusteigen, bleibt leer aus. Die einen werden es schätzen, die anderen werden es vermissen, denn wir erfahren nichts über Linnéas Zeit in Schweden oder ihre Beweggründe. Thyberg konzentriert sich ganz auf die Gegenwart ihrer Hauptfigur. 

Insgesamt verwischt der Film geschickt die Grenze zwischen Fiktion und Realität und als Zuschauer*in ist man sich nicht sicher, ob man gerade einen Spielfilm oder eine Dokumentation schaut. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass alle Schauspieler*innen außer Kappel selbst in der Szene aktiv sind und sich zum Teil sogar sich selbst porträtieren. 

Der Traum vom Porno-Sternchen

Sprechen wir von Sexualität, wie sie in Mainstream-Pornografie dargestellt ist, bleibt auch das Thema der sexualisierten Gewalt nicht aus. Der Film adressiert das auch auf mehrere Arten, zum Beispiel indem auf das Bild, dass alle Pornodarsteller*innen eine Vergangenheit mit sexualisierter Gewalt, angespielt wird. Bella ist eine, die davon offenbar nicht betroffen ist, wie uns der Film erzählt.  Sie ist eine willensstarke, selbstbestimmte Frau, die genau weiß, was sie will: „Ich liebe einfach Schwänze“. Die Frage, die uns bleibt, ist: Wird sich das im Laufe ihres Werdegangs ändern, oder kann Bella sich treu bleiben? Das wollen wir noch nicht verraten.

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