Doris Müllner

Leistungsdruck Orgasmus

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woman on bed half naked
©Logan Weaver

„Sex bedeutet Intimität und Leidenschaft und ist auch ohne Orgasmus wunderschön!“

„Bist du gekommen?“
Wenn der Orgasmus zum Leistungsdruck wird…

Orgasmus gehört für viele zum Sex dazu wie das Besteck zum Essen. Doch wie kann Sex ohne Höhepunkt aussehen und was passiert, wenn wir uns zu sehr auf den Orgasmus als ultimatives Ziel verschießen? Ein Plädoyer, den Orgasmus nicht mehr so wichtig zu nehmen.

Frau liegt mit nur ihrem weißen Höschen bekleidet
©Jan Zhukov

Orgasmus = Männersache? 

Orgasmus ist das Runner’s High des Schlafzimmers – ohne zählt’s nicht. Das ist eine Einstellung, die viele Menschen, Männer* insbesondere, heute immer noch teilen. Dabei geht es beim Sex auch um so viel mehr, um Intimität, um Leidenschaft, um Zusammensein, um Bindung und um den anderen zu spüren. Dann sollte es doch eigentlich egal sein, ob es zum „Big O“ kommt oder nicht. Bei Frauen* wird oft der Mann* für den Höhepunkt verantwortlich gemacht. Dabei sollte es doch eigentlich auch ein wenig Eigenverantwortung sein, dass die Beteiligten im Bett (oder wo auch sonst) Spaß haben. Gedankenlesen kann nun mal niemand und wenn du nicht sagst, was dir gefällt, wird die andere Person es wahrscheinlich nicht so schnell herausfinden. Liebe Männer*, macht euch hier also weniger Stress!

WISSENSWERTES

Die beiden Sexualforscher*innen Masters und Johnson leisteten in den 1950er und 1960er Jahren Pionierarbeit in der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens. Dabei untersuchten sie untere anderem Proband*innen während der Masturbation oder dem Geschlechtsverkehr und konnten viele Erkenntnisse ziehen, die noch in der heutigen Forschung relevant sind – zum Beispiel das Vier-Stufen-Modell der sexuellen Reaktion. 

TIPP

Serienempfehlung:
Masters of Sex – erzählt die Geschichte von Masters und Johnson. 
Zu sehen auf Amazon Prime.

titelbild der serie masters of sex

Druck von oben

„Bist du gekommen?“ Den Spruch hast du bestimmt schon mal gehört – oder vielleicht sogar selbst ausgesprochen? Meistens direkt, nachdem der Sex vorbei ist. Besonders sexy ist das nicht. Denn dabei handelt es sich nicht einfach nur um irgendeine Frage, sondern dahinter steckt ein Leistungsanspruch. Dabei wäre, wenn überhaupt, eher die Frage angebracht, ob es denn schön war. Sobald der Höhepunkt zu einem Art Ziel wird, wird der Druck immer größer – bei allen Beteiligten. 

Leider dreht es sich beim Sex für viele immer noch primär um das Erreichen des Höhepunkts, wie eine Umfrage des JoyClubs zeigt. Rund 39,7% der deutschen Frauen* verspüren im Schlafzimmer einen Orgasmusdruck. 37,6% sind es bei den Männern. Interessant ist dabei allerdings, was unter Orgasmusdruck verstanden wird. Bei der Umfrage von je 5000 Frauen* und Männern* verstanden die Teilnehmerinnen darunter den Druck, beim Sex zu kommen, während die Teilnehmer es als den Druck bezeichneten, die Partnerin zum Höhepunkt zu bringen. Ein ernüchterndes Ergebnis zeigt, dass 89% der Männer* Sex als nur halb so schön empfinden, wenn die Partnerin keinen Orgasmus hat. Dabei können über 70% der Frauen* Sex auch genießen, wenn sie nicht gekommen sind. Ziemlich konträre Zahlen, die man eigentlich so stehen lassen kann.  

Pärchen im Bett - sie sitzt auf ihm

Nur was für „wahre“ Männer*?

Trotzdem zeigt die Gesellschaft auch hier wieder das Gegenteil. Gibst du den Begriff „Orgasmus“ in eine Suchmaschine ein, werden dir vor allem Vorschläge gezeigt, wie du kommst – im wahrsten Sinne des Wortes. Besonders Männermagazine schreiben häufig Artikel zur Befriedigung von Partnerinnen wie „Mit diesen 10 Tipps bringst du Frauen zum Höhepunkt“ oder „Mit diesem einfachen Tipp (!) werden Sie zum Liebesgott“. Wäre das nicht eigentlich problematisch, könnte man darüber schon fast lachen. Denn auch wenn Befriedigung ja schön und gut ist, ebenso wie sich auf die Bedürfnisse des Partners einzulassen ein Grundprinzip für ein gutes Sexualverhältnis ist, vermitteln diese Artikel, dass kommen das A und O beim Sex ist. Artikel wie diese verfestigen zudem das Bild von toxischer Männlichkeit, denn ein wahrer Mann*, ein Liebesgott, bringt seine Partnerin zum Schreien. Dabei ist es ja wohl offensichtlich, dass Menschen keine Maschinen sind und Orgasmen nicht auf Knopfdruck erreicht werden. Du hast es sicherlich schon selber erlebt, dass du beim Sex zu verkopft warst und dann einfach nicht kommen konntest. Da kann die Technik noch so ausgefeilt sein, der Höhepunkt bleibt aus. 

Das Porno-Problem

Woher diese Mythen rund um den Orgasmus kommen, zeigt uns die Pornoindustrie. Kaum geht es in den meisten heteronormativen Pornos zwischen Mann* und Frau* zur Sache, schreit die Frau* auch schon ekstatisch auf. Gefühlt kommt sie gleich nach ein paar Minuten vaginaler Penetration und der Mann* grunzt am Ende kurz auf. Beide sind gekommen und die Frau* war jede einzelne Sekunde erregt. Was denkst du, klingt das realistisch? Genau, wohl kaum. Pornos sind Filme, die meisten sind extra dafür produziert und reproduzieren eine künstliche Realität. Gleichzeitig zeigen sie uns aber einen vermeintlichen Einblick in das Sexualleben anderer, den wir sonst nicht haben. Erinnere dich also daran, dass Pornos keine Spiegel der Realität sind und dich vielleicht erregen können, aber nur selten eine Anleitung für das echte Leben bieten.  

Echt oder fake? 

Viele Männer* haben außerdem Angst, dass ihnen der Orgasmus der Partnerin vorgetäuscht wird. Außer beim Squirting gibt es keinen physischen Beweis, dass die Frau* gekommen ist. Stöhnen gilt meist als einziger Nachweis, und das kann sowohl echt als auch gekünstelt sein. Oft ist es für viele Frauen* aber auch schwer zu sagen, ob sie wirklich zum Höhepunkt kamen – insbesondere bei einem vaginalen Orgasmus. Denn auch körperlich äußert sich ein Orgasmus sehr unterschiedlich. Der Sex war schön, aber gekommen? Keine Ahnung, ist doch egal! Ein größeres Thema wird der vorgetäuschte Orgasmus aber, wenn deine Partnerin das Gefühl hat, sie enttäuscht dich, wenn sie nicht kommt. Darum ist die Verkrampfung auf das Kommen ein Teufelskreis, der niemanden weiterbringt. Wie so oft ist hier der Schlüssel zum Erfolg eine offene und ehrliche Kommunikation. Diese schafft auch wiederum Nähe und Intimität, was sich im Schlafzimmer bezahlt macht. 

meg Ryan faking orgasm in the movie when harry met sally
Meg Ryans' Fake Oragsmus im Film "When Harry met Sally"

Eine Frage der Technik

Orgasmus hin oder her, es ist immer von Vorteil, wenn du dich mit der Anatomie deines*r Partners*in auseinandersetzt. Zum Beispiel sind viele Frauen* an der Klitoris besonders erregbar, da hier viele Nervenenden zusammenkommen. Bei reiner vaginaler Penetration kommen ohnehin die wenigsten Frauen* – laut Umfrage geben das nur knapp ein Drittel der Befragten an. Auch wenn viele Männer* auf diese Art stimuliert werden, muss das nicht für alle Frauen* gelten. Trotzdem kann auch die beste Technik nicht über Tagesverfassung, Gedanken oder einfach unerklärliche Phänomene hinweg zum Orgasmus führen. Die beste Technik ist also, den Höhepunkt so gut es geht außen vor zu lassen.  

Gemeinsame Selbstliebe

Wenn du das Gefühl hast, im Bett kommt keine*r so richtig zum Höhepunkt, aber du möchtest ihn trotzdem gerne zusammen erleben, könnt ihr euch immer noch zusammen selbstbefriedigen. Das ist für die meisten immer noch der beste Weg zu kommen. Selbstliebe ist zudem keine Konkurrenz zu Zweisamkeit und gehört auch in einer festen Beziehung zur Sexualhygiene dazu. Denn Sex ist Leidenschaft und Intimität und nicht nur das Berühren der Geschlechtsorgane. Darum wird das eine nie das andere ersetzen. Wenn du als Frau* merkst, dass du deinen Orgasmus gerne intensiver erleben möchtest, kann es auf jeden Fall nicht schaden, deinen Beckenboden zu trainieren. 

Zusammen ist man weniger allein

Hoffentlich konnten wir dir zeigen, wie weit Frauen* und Männer* beim Orgasmus oft auseinanderliegen (Stichwort Orgasm Gap – Artikel findet ihr hier!) und wie viele Missverständnisse es dabei noch gibt. Denn Sex zählt nicht nur dann, wenn alle auch gekommen sind. Sex ist Intimität und Leidenschaft, es ist das körperliche und geistige Zusammensein mit einer anderen Person. Leistungsdruck hat hier nichts verloren und reduziert Sex auf eine sportliche Angelegenheit, die ihm nicht gerecht wird. Darum rede erstmal mit deinem*r Partner*in, wenn du dir zu sehr Druck machst. Sie werden dir sicherlich bestätigen, dass der Orgasmus für sie wirklich keine große Rolle spielt. 

man kissing woman

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