Karin Spiegl

Orgasm Gap

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rote Lippen mit Schriftzug auf lila Hintergrund "mind the orgasm gap"

„Ob Orgasm oder Gender Pay Gap: Lasst uns für eine gerechtere Verteilung von Gehalt UND Orgasmen einstehen!“

Orgasm Gap: Lückenloses Vergnügen? Fehlanzeige!

„Oh Baby, ich komm gleich… Bist du auch schon soweit? Ich will, dass wir gemeinsam kommen – jetzt!“ „Ähm… Nein“, murmle ich verdutzt, „noch nicht, aber wenn du…“ Zu spät. S. stöhnt nochmal kurz auf und rollt sich dann zufrieden grunzend auf die Seite. „Wow, das war richtig toll – für dich doch auch, oder?“

Ich sehe ihn irritiert an. Nachdem, was da gerade zwischen uns stattgefunden hatte – beherzter Rein-Raus-Sex, ohne Umschweife und direkt zum Punkt (leider nicht zu meinem G-Punkt) – bin ich quasi weiter von einem Orgasmus entfernt, als vor Beginn unserer Zusammenkunft. Gut, es ist das erste Mal zwischen S. und mir, aber dennoch… Echt jetzt?!

Am Heimweg fühle ich mich frustriert. Als wäre der Gender Pay Gap nicht schon schlimm genug, müssen wir uns auch noch mit einem handfesten Orgasm Gap herumschlagen und uns nicht nur mit weniger Gehalt, sondern auch mit weniger Orgasmen zufrieden geben. Während die Gehaltsschere zumindest einmal pro Jahr, nämlich am Equal Pay Day, zuverlässig die Gemüter erhitzt, können wir uns zu unserem Orgasmusdefizit im schlimmsten Fall noch doofe Sprüche und Mythen à la „Frauen kommen generell halt einfach viel schwerer als Männer“ anhören. Höchste Zeit, sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen – und aktiv zu werden. 

BUCHTIPP

Dr. Laurie Mintz:
Becoming Cliterate: Why Orgasm Equality Matters — And How To Get It 

In „Becoming Cliterate“ beschreibt die Psychologieprofessorin und Sexualexpertin Dr. Laurie Mintz das umfassende kulturelle Problem des Orgasm Gaps. Indem sie mit Missverständnissen und lang tradierten Mythen aufräumt, versucht sie, unsere kollektive Perspektive auf Sex nachhaltig zu verändern.

Eine Zusammenfassung ihrer Forschungsergebnisse kannst du dir außerdem in ihrem TedxUF Talk A new sexual revolution for orgasm equality anhören. 

Er kommt und ich gehe. Haarsträubende Daten zum Orgasm Gap

Ein düsteres Bild zeichnet eine von Dr. Laurie Mintz zitierte Studie: 91 % der befragten Studenten gaben an, beim Sex immer bzw. meistens zum Orgasmus zu kommen – bei den interviewten Studentinnen waren es lediglich 39 %. 

Nur unwesentlich „bessere“ Ergebnisse lieferte eine breit angelegte Studie an der amerikanischen Chapman University mit 52.500 hetero- und homosexuellen Frauen und Männern zwischen 18 und 65 Jahren: Während 95 % der Männer sagten, beim Sex regelmäßig zum Orgasmus zu kommen, traf dies bei heterosexuellen Frauen lediglich auf 65 % zu. 

Das wirklich Spannende daran: Frauen kommen tatsächlich weniger oft zum Höhepunkt als Männer – aber vor allem dann, wenn sie mit Männern Sex haben. Denn dieselbe Studie belegte auch: Frauen, die mit Frauen Sex haben, kommen fast ebenso häufig zum Orgasmus wie heterosexuelle Männer. 

Der Orgasm Gap ist somit genauso wenig naturgegeben wie die Einkommensschere. Vielmehr lässt er sich darauf zurückführen, dass 75 % aller Frauen bei der Penetration ohne zusätzliche klitorale Stimulation nicht (bzw. nur sehr selten) zum Orgasmus kommen, wie aus einer Studie der Harvard Professorin Elisabeth Lloyd (zit. nach Grace Wetzel, siehe unten) hervorgeht. Was ja an und für sich kein Problem wäre, würden Männer ebenso leidenschaftlich von ihren Fingern oder ihrer Zunge Gebrauch machen, wie es Frauen tun – oder wie sie es von uns verlangen, wenn es um ihren Penis geht. Ach, apropos Penis…

Porno, Penis & Penetration: Gimme a Break!

In ihrem grandiosen TED Talk „Let’s Talk About Sex: The Reality of the Sexual Pleasure Disparity“ macht Grace Wetzel gleich zu Beginn klar, worin das eigentliche Problem liegt:

„And that’s the reality that straight women often have a very different experience with sex than straight men do, and that we live in a sexual world that revolves around the pleasure of the penis.“

Auch 2022 steht und fällt der weibliche Orgasmus immer noch viel zu oft mit dem Penis, sprich: Der Fokus liegt auf seiner Erektion und der Sex endet dann, wenn er gekommen ist (also der Mann mit dem Penis).

Richtig problematisch wird die Sache, wenn Mainstream-Pornos zum Vorbild für realen Sex zwischen echten Menschen werden, denn dann sinkt die Chance auf unseren Orgasmus gegen Null. Hand auf‘s Herz, die klassische Choreographie ist doch jede*r von uns bestens bekannt: 

Heiße Frau in Dessous kommt in den Raum, Typ sitzt am Bett. Es wird ne Runde rumgeknutscht, sie knöpft ihm die Hose auf und schwupps – schon ist sie auf den Knien. Der intensive Blow Job dauert mindestens 10 Minuten und selbstverständlich macht sie dabei Geräusche, als hätte sie gerade einen multiplen Orgasmus. Irgendwann zieht er sie dann wahlweise auf sich oder beugt sie übers Bett – it‘s show-time! Nach weiteren 10 Minuten reiner Penetration kommt er dann genussvoll auf irgendeinem Körperteil von ihr und sie freut sich wahnsinnig, jetzt noch sein Sperma ablecken zu dürfen. The End. 

SIE ist während dieses grandiosen Aktes sicher mindestens dreimal gekommen, ohne dass er auch nur in die Nähe ihrer Klitoris gekommen wäre – it‘s pure magic!

Übrigens: Keine von uns findet Pornos per se verwerflich, ganz im Gegenteil: Auf unserer Schwesternplattform FemPorn findest du eine Auswahl von Pornos, die von Frauen kuratiert und für gut befunden wurden.  

Doch jetzt nochmal zurück zu Grace Wetzel: 

„Centering sex around the penetration of the penis is problematic not only for any sex that doesn’t involve a penis – God forbid – but also for the straight woman’s experience.“

Zur Erinnerung: Nur etwa 25 % aller Frauen sind körperlich in der Lage, durch reine Penetration zum Orgasmus zu kommen. Der Rest – bzw. mit 75 % aller Frauen wohl eher der Großteil – geht bei mangelndem Vor- und Nachspiel orgasmustechnisch zwangsläufig leer aus. Und klar, Sex kann auch ohne Orgasmus schön sein – aber wie im Film geht doch auch im richtigen Leben nichts über ein fulminantes Happy End…

Also Lady, ob Orgasm oder Gender Pay Gap: Lass uns für eine gerechtere Verteilung von Gehalt UND Orgasmen einstehen! An dieser Stelle daher noch ein paar Tipps, wie du deinem Vergnügen auf die Sprünge helfen kannst. 

Öfter kommen: 3 Quick-Tipps für häufigere Orgasmen 

  1. Sprich mit ihm 

Ja, ich weiß: Wenn ES mit ihm einfach nicht klappen will, ist das erstmal frustrierend. Einfach darüber hinwegzusehen, ist jedoch die schlechteste Lösung – vor allem, wenn dir etwas an der Beziehung zu ihm liegt. Fass dir ein Herz und sag ihm, was du beim Sex brauchst, damit du kommen kannst! Oder noch besser: Zeig es ihm! Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er sich ohnehin schon Gedanken gemacht haben und sich über deine Initiative freuen. 

  1. Lerne deinen eigenen Körper kennen 

Du weißt eigentlich selber nicht so genau, was du brauchst, um zum Orgasmus zu kommen? Dann wird es aber höchste Zeit, das rauszufinden! Wie du das am besten machst? Indem du masturbierst. Hier bei femstories findest du jede Menge Anregungen zum Thema Selbstbefriedigung – oder wie wäre es mal mit einer Yoni Massage? 

  1. Fass dich selbst an 

Sorge im Fall der Fälle einfach selbst dafür, dass deine Klitoris beim Sex mit ihm die nötige Aufmerksamkeit erhält und stimuliere dich selbst … doppelt hält schließlich besser, oder? Ganz egal, ob du mit deinem eigenen Finger oder deinem Lieblingstoy nachhilfst – Hauptsache, du tust es! 

rote Lippen mit Schriftzug auf lila Hintergrund "mind the orgasm gap"

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