Maria Hanny

Mythos Jungfernhäutchen

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„Sexuelle Gleichberechtigung fängt dann an wenn wir aufhören alte Konstrukte weiter zu überliefern„

Oh du liebes Jungfernhäutchen…

…du musst jetzt wirklich tapfer sein. Die Wahrheit ist nämlich, dich  gibt es gar nicht! 

Du bist ein Konstrukt unserer Stammesväter und deine Erfindung hat Jahrhunderte lang dazu gedient, unsere weibliche Sexualität zu kontrollieren. Die Geschichten, die über dich erzählen worden sind, haben junge Mädchen eingeredet, nicht zu wild zu sein, beim Sport acht zu geben und ja keine Tampons zu benutzen. Ach und nicht vergessen, liebe Mädchen, immer brav die Beine zusammenschlagen um den  Schambereich gut zu schützen. Den Beweis deiner Existenz war übrigens das Blut am Bettlaken nach dem ersten Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann in der Hochzeitsnacht. Was? Du hast nicht geblutet beim ersten Mal? Tja, dann warst du wohl keine Jungfrau mehr, du Schlampe!

Das das jetzt klar ist: NEIN, das Jungfernhäutchen, wie es die letzten Jahrzehnte dargestellt worden ist, gibt es so einfach nicht! Der Mythos um das Jungfernhäutchen dient alleine dazu, die Sexualität der Frauen zu kontrollieren und reglementieren.

Damit ist jetzt ein für alle mal Schluss!


Wir klären auf…

Anatomischer Wegweiser

Das Vaginalkränzchen ist eine ringförmige Anordnung von Schleimhautfältchen und befindet sich ein bis zwei Zentimeter tief in der Vagina. Es verschließt auf keinen Fall den vaginalen Eingang. Und falls doch, liegt ein ernsthaft medizinisches Problem vor, das behandelt werden muss weil kein Menstruationsblut durchfließen könnte.

Auch bei der Größe, Form und Farbe gibt es Unterschiede. Kein Vaginalkränzchen gleicht dem anderen. 80% der Frauen haben eine anulare also ringförmige Korona. Bei 19% sieht die Korona fransig aus und bei ca. 1% ähnelt die Form einem Sieb, oder ist zweigeteilt bzw. ganz eng gefaltet. 

„Das Vaginalkränzchen verschließt auf keinen Fall die Vagina. Blutungen beim ersten Sex kommen von kleinen Verletzungen der Korona.“

Das weibliche Blut – Keuschheitssiegel und Gift

Betrachtet man die letzten Jahrhunderte war das weibliche Blut schon immer etwas Spannendes:

Menstruationsblut galt zum Beispiel bis in die 1920er Jahre als giftig und die Frauen während dieser Zeit als schmutzig. 

Und Blut nach dem ersten Geschlechtsverkehr ist in vielen Kulturen noch immer der Beweis für die vorangegangene Keuschheit. 

Fakt ist: über 50% der Mädchen bluten beim ersten Geschlechtsverkehr nicht. Weil es auch nichts gibt, das durch Penetration „reißen“ könnte. Der Grund für die Blutungen liegt viel mehr in der Anspannung und Aufgeregtheit beim ersten Mal. Oft ist die Vagina einfach nicht feucht genug oder leicht verkrampft. Dadurch können kleine Einrisse in der Vaginalschleimhaut entstehen und folglich leicht bluten. Die Schleimhaut regeneriert sich zum Glück aber äußerst schnell und die Blutstropfen stoppen von selbst.

Warum besitzt der weibliche Körper überhaupt ein Vaginalkränzchen? 

Das Fruchtwasser schützt das ungeborene Baby im Bauch der Mutter. Das Korona wiederum schützt den Vaginaleingang vor dem Eindringen des Fruchtwassers. Die Sexualorgane können dadurch ungestört heranreifen. Kurz vor der Geburt beginnt es sich langsam zurückzubilden.

Bei Säuglingen ist das Vaginalkränzchen am Anfang noch dichter und auch die Öffnung ist weniger groß. So wird verhindert, dass Stuhl oder anderen Keimen in die Vagina kommen. 

In der Pubertät bilden sich dann in der Vagina Milchsäurebakterien, die diese Schutzfunktion des Koronas übernehmen. Somit wird das Schleimhautkränzchen überflüssig.

Vom Jungfernhäutchen über Hymen bis zu Vaginal Corona 

Sprache bestimmt wie wir denken. Mehr dazu in unserem Artikel „Sex in der deutschen Sprache“ 

Umso wichtiger ist es also genau zu wissen, woher ein Wort kommt und was es uns zwischen den Zeilen suggeriert.

Schon die Wortbedeutung „Jungfernhäutchen“ ist irreführend: Es ist weder eine Haut noch haben das nur Jungfrauen und schon gar nicht wird die Vagina dadurch verschloßen.

Eine Bezeichnung ist das oder der Hymen. Aus dem griechischen übersetzt bedeutet das Membran oder Haut. Dennoch suggeriert es nach wie vor, dass es sich um eine Art Membran handelt, eine dünne Hautschicht die wie eine Art Folie zur Abtrennung oder Umhüllung dient.

In Schweden ging man deshalb noch einen Schritt weiter:

Die RFSU – Swedish Association for Sexuality  Education – entfernte 2009 das ideologiebeladene Wort „Jungfernhäutchen“ (Schwedisch: mödomshinna) komplett aus dem Wortschatz. Stattdessen führten sie die Bezeichnung Vaginal Corona ein.

Jungfräulichkeit – ein soziokulturelles Konstrukt 

Unsere Welt ist eine von Männern aufgebaute und von ihnen bestimmte Welt. Da gibt es nix zu Beschönigungen. Wir leben nach wie vor in einer misogynen Gesellschaft und auch wenn bereits ein Umdenken stattgefunden hat, sitzt das Patriarchat noch immer tief verwurzelt in unseren Denkweisen fest und bestimmt das Leben von uns Frauen.

Vor allem der weibliche Körper und die weibliche Sexualität leiden besonders stark unter der männlich erschaffenen Sichtweise.

Anbei einige Beispiele, die zum Nachdenken anregen:

  • Jungfräulichkeit ist das höchste Gut einer unverheirateten Frau
  • Eine Frau schenkt einem Mann ihre Jungfräulichkeit
  • Das blutige Lacken beim ersten Mal ist das Gütesiegel für ihre Keuschheit
  • Der Vater übergibt dem Ehemann die Braut – die Frau wird zwischen zwei Männern weitergereicht, sie selbst bleibt passiv
  • Gesellschaftliche Perspektive auf Männer mit unterschiedlichen Sexualpartnerinnen vs. Frauen und ihre sexuellen Erfahrungen

Für das Patriarchat steht hier Besitzdenken im Vordergrund. In Zeiten vor DNA Tests konnten männliche Partner so sicher gehen, dass das Kind auch tatsächlich von ihnen stammt.

Alles was die Idee unterstützt, das weibliche Sexualität etwas Unmoralisch oder Schlechtes ist, entspricht nicht mehr unserer heutigen Gesellschaftssicht. Deshalb ist Aufklärung umso wichtiger und vor allem ein Schritt in Richtung weiblichen Unabhängigkeit. Sexualität ist etwas Wundervolles und jede*r sollte sie so ausleben können wie er/sie das möchte.

Nehmen wir uns ein Beispiel an Schweden und beginnen wir unsere Sprache zu verändern. 

„Legen wir den Mythos rund um das Jungfernhäutchen und dessen Folgen beiseite und machen Platz für das VAGINAL KORONA!.“

Vaginal
Coronas

Wissenswertes 

Die WHO greift ein

2018 hat die Weltgesundheitsbehörde WHO die Publikation „Eliminating virginity testing An interagency statement“ veröffentlichte.

Hauptaussage

Jungfräulichkeitstests per vaginaler Untersuchung oder der Zwei-Finger Methode sagt nichts über eine sexuelle Interaktion aussagen. Die WHO legte darüber hinaus fest, dass diese Methoden eine Verletzung der Menschenrechte ist.

Warum das so wichtig ist? 

Mit dem Mythos der Jungfräulichkeit werden in vielen Ländern, auch in Deutschland medizinische Eingriffe angeboten. Ca 3.000€ kostet eine sogenannte Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Viele Frauen stehen unter enormen Druck und entscheiden sich für diese Operation. 

Medizinisch gesehen ist dieser Eingriff völlig sinnlos. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Frau beim nächsten penetrativen Sex blutet. 

In unserer Kultur hat ein blutiges Bettlaken nach dem ersten Mal keine Bedeutung mehr. Denken wir aber kurz an all die anderen Frauen, in deren Kultur die Unbeflecktheit vor der Ehe einen enormen Status innehält.

Kurioses

Kranzgeld – Entschädigungszahlung für entjungferte Frauen

1896 wurde das Kranzgeld mit dem Paragraph 1.300 in das Bürgerliche Gesetzbuch von Deutschland eingetragen. Das sogenannte Kranzgeld konnte von Frauen eingefordert werden, wenn der Verlobte nach der ersten gemeinsamen Liebesnacht seine Absichten, die Frau zu ehelichen, doch nicht mehr einhielt. Hintergrund: die Frau war nach ihrer Entjungferung am Ehemarkt nicht mehr so viel Wert und sollte deshalb eine kleine Entschädigungssumme erhalten.

Schon damals gab es Stimmen, die gegen diese Art der „Kommerzialisierung der Geschlechtsehre“ waren. Der Paragraph hielt sich dennoch bis 4. Mai 1998 im Gesetzbuch. 

Übrigens: im Laufe der Jahre sank der Wert der Jungfräulichkeit drastisch: Zahlte ein Verlobter 1910 noch 15.000 DM so schätzte man in den 1960er Jahre den Wert der Unbeflecktheit auf 500DM.

 

Der Name Kranzgeld erinnert an einen alten Hochzeitsbrauch: wer noch Jungfrau war, durfte im weißen Kranz zum Altar schreiten, alle anderen mussten Strohkränze tragen.

Blut Pillen

Es gibt sogenannte Blut Pillen zum kaufen. Sie werden in die Vagina eingeführt, platzen während dem Sex auf und es rinnt eine blutähnliche Flüssigkeit als Beweis der Jungfräulichkeit hinaus. Völlig absurd und gleichzeitig für viele Frauen eine enorme Erleichterung.

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