Karin Spiegl 

Interview Lea Rigo &
Anna Peer

Lea Rigo und Anna peer

„Fesseln ist enorm vielfältig und das ist ja das Schöne und das entwickelt sich dann heraus von der Verbindung mit der Person, mit der man fesselt“ 

Liebe Lea, liebe Anna – wie seid ihr beide eigentlich zum Thema Bondage gekommen? 

Lea: Ich habe mich während meines Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie unter anderem mit Tantra auseinandergesetzt und wollte die Themen Spiritualität und Sexualität verbinden. Irgendwann bin ich zu einem Tantra Festival in Schweden gekommen und habe einen Tantric Bondage Workshop erlebt, der mein Bild von Bondage komplett verändert hat. Ich hatte das früher auch immer eher mit Lack und Leder assoziiert, also irgendwie eher etwas Dunkles, sehr viel mit Unterwerfung und „klassischer Rollenverteilung“: Mann fesselt Frau etc. Also was man so aus den Mainstreampornos kennt. Und da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie stark es eigentlich um Verbindung und Vertrauen geht. Und plötzlich hatte ich Tränen in den Augen. Ja, und dann hat das Fessel-Thema erstmal für zwei Jahre geruht, bevor ich dann mit meinem Partner ein bisschen anfing zu experimentieren. Während des Lockdowns hab ich dann angefangen, mir selber Sachen beizubringen, also ein Buch geholt, mich eingelesen und an einem Stuhl geübt. 

Anna: Mein erster Berührungspunkt mit Sexpositivität war auf dem Festival The Intimate Revolution. Dort hab ich eine Performance gesehen, dich mich sehr bewegt hat, nämlich zwei Frauen, die miteinander gefesselt haben. Diese tiefe Art von Verbindung und so vielen Emotionen hat mich total fasziniert. Also wirklich, das waren sicher 20 Minuten, die Performance, und für mich war das so wie ein einziger Moment. Ja, dann hat das so ein bisschen angefangen, die Reise für mich, dass ich mich damit mehr beschäftigt habe, dass das was Schönes sein kann, und welche Aspekte das hat. Dass es nicht nur um Technik geht, sondern dass da ganz viel passiert zwischen zwei Menschen.

Und ja, dann war es wirklich so, dass wir jetzt im Jänner gemeinsam mit Thomas von den Querverbindungen einen sehr intensiven Workshop gemacht haben und daraus hat sich das dann die Idee entwickelt, einen Anfänger*innenworkshop zu konzipieren. 

lea shibari fesselkunst
© Lea Rigo

Wie läuft denn so ein Fessel-Workshop mit euch ab? 

Anna: Wir haben zwar verschiedene Übungen vorbereitet, allerdings kein starres Programm. Es gibt immer Technikblöcke, wo man die Grundknoten lernt, und dann gibt es aber eben auch Blöcke, wo es ums Spielen geht, also wo es mal um Body Awareness geht, darum, sich selbst und eine andere Person zu spüren. Danach gibt es immer Reflexionszeit. Das ist, wo das Lernen passiert und wo auch das tiefergehende Lernen passiert, das darüber hinaus geht von „Kommt, wir machen jetzt einen Knoten“, sondern wir sprechen darüber, was dabei in mir passiert und was das bedeutet. Da haben wir verschiedene Übungen, die in verschiedene Arten des Fesselns reinführen. Das ist glaube ich auch charakteristisch, dass wir sagen: Fesseln kann ganz viele Sachen sein. Das kann meditativ sein, das kann lustig sein, das kann ein bisschen sein wie Raufen oder so, das kann fürsorglich sein, das kann eine Umarmung sein, jemanden halten, und es kann wahnsinnig erotisch sein. Also da kann ganz, ganz viel passieren zwischen zwei Menschen. 

Wir schauen auch immer drauf, dass es einen schönen Raum gibt, eine schöne Umgebung, wo man sich einfach wohl fühlt. Also es ist unser Anliegen, dass die Gruppe gut zusammenfindet und dass die Menschen miteinander eine gute Verbindung haben. Bei uns ist es auch nicht so, dass man jetzt als Paar kommt und man kann sich nur als Paar anmelden, sondern man ist sehr, sehr willkommen, allein zu kommen. Und deswegen ist es für uns so wichtig, dass es da eine gute Gruppenverbindung gibt, weil es intensive Themen sind. Und dann ist es sehr wesentlich, sich austauschen zu können und sich sicher zu fühlen, also Consent und Sicherheit ist die essentielle Basis, mit der wir von Anfang an arbeiten.

Lea: Oft ist es bei Fesselsachen ja so, dass man die Positionen nicht wechseln kann, also eine Person fesselt und eine wird gefesselt. Uns ist es aber ein Anliegen, dass die Teilnehmenden auch die verschiedenen Positionen einnehmen können. So hat man die Möglichkeit, dort tiefer reinzugehen, wo man sich wohl fühlt, aber auch  Rollen zu erkunden, in denen man sich vielleicht nicht so wohl fühlt. Einfach mal reinzugehen und zu schauen: Was macht das mit mir und was kann ich daraus lernen, mal aus der Komfortzone rauszugehen? Unsere Übungen sind auch so gestaltet, dass man mit verschiedenen Menschen fesselt, einfach weil es immer eine andere Erfahrung ist. Es ist immer eine andere Verbindung mit der Person, es ist nonverbale Kommunikation zwischen zwei Menschen.

About

Lea & Anna

Lea Rigo 

Lea ist sexpositive Workshopleiterin, ausgebildete Jugendsexualpädagogin, Kultur- und Sozialanthropologin und psychosoziale Beraterin in Ausbildung. Sie gestaltet sichere Räume, in denen Einzelpersonen und/oder Gruppen lernen, sich selbst und vor allem ihren Körper (mehr) zu spüren. Dabei sind ihre Herzensthemen Consent, eine wertschätzende und gewaltfreie Kommunikation, Achtsamkeit, Empowerment sowie das Spielen und Experimentieren mit Seilen in einem Bodywork-Kontext.

Anna Peer 

Anna ist Facilitatorin von Empowerment-Erfahrungen. Zentral für alles, was sie gestaltet – sei es Workshops, Lehrgänge, Gruppenprozesse – ist ihr Wunsch nach Tiefe und Lebendigkeit. Sie arbeitet unter dem Leitstern, die innere und äußere Welt so voll wie möglich zu spüren, zu erleben und zu gestalten. Das spiegelt sich auch in ihrer Fesselpraxis wieder.

Annas aktuelle und vergangene Projekte geben ihr ein Gespür für den inneren Prozess von Menschen und Gruppen; sie hält den Raum achtsam und gleichzeitig mit viel Humor. Schwerpunkte ihrer bisherigen Arbeit sind Embodiment, Wildnispädagogik, Feminine Leadership und Jugendsexualpädagogik. 

WORKSHOP

Der gemeinsame Workshop „Conscious Bondage“ findet heuer noch 2x mal in Wien statt. 

  • Wann: 15. und 16. Oktober / 3. und 4. Dezember 
  • Wo: wird noch bekannt gegeben
  • Infos findet ihr hier

    www.querverbindungen.at

Wie lange dauert so eine Fessel-Session circa?

Anna: Ganz unterschiedlich. Also unsere Demosessions sind 20 Minuten, was schon so die untere Grenze ist für uns. Aber das kann auch zwei, drei, vier Stunden gehen. Wenn beide Lust dran haben, dann geht es vielleicht mal um Pause machen und dann kann es wieder weiter…

Lea: Eigentlich wie beim Sex. Also es kann von bis gehen. Und man hat auch, wenn man fesselt, total ein anderes Zeitgefühl. Das ist auch so spannend, dass es einem entweder extrem lang vorkommt oder extrem kurz. Da passiert auch ganz viel in unserem Nervensystem, weil das eigentlich sagt: „Oh, ich werde gerade gefesselt. Gefährlich.“ Und dann springt eigentlich ein Modus von Flucht oder Freeze an. Eigentlich ist es der Sympathikus, der da anspringt in unserem Nervensystem, da wir uns jedoch in einem sicheren Setting befinden, aktiviert sich der Parasympathikus, der für Regeneration und Ruhe zuständig ist. Das ist auch wieder das Spiel mit der Spannung und Entspannung. 

→ Tipp: In Folge Nr. 18 des Podcasts Liebesäpfel erklärt Lea, wie unser Nervensystem aufs Fesseln reagiert. 

lea rigo fessel workshop
© Lea Rigo

Wie sieht denn die Zusammensetzung eurer Gruppen aus? 

Lea: Beim letzten Workshop waren es 18 Leute. Bei so Selbsterfahrungssachen ist es oft so, dass mehr Frauen als Männer sind, aber Seile ziehen eben auch Männer an, weil es Technik ist. Ist jetzt unsere Hypothese. Aber letztes Mal hatten wir sogar knapp mehr Männer als Frauen, was natürlich auch dazu führt, dass Männer miteinander fesseln. Und das ist total spannend, weil das vielen Männern zuerst ein unangenehmer Gedanke war. Wir hatten dann darüber gesprochen in der Gruppe und einige haben wirklich schöne Erfahrungen gemacht, im Sinne von: „Ich kann mich da genauso fallen lassen und es macht eigentlich keinen Unterschied, ob das jetzt ein Mann oder eine Frau ist, oder kann sogar eine total schöne Erfahrung sein, sich mit einem Mann fallen zu lassen.“

Anna: Es ist schon gemischt. Also wir haben jedes Mal Leute dabei gehabt, die eigentlich technikmäßig schon relativ erfahren sind, aber von unserem Zugang fasziniert waren. Dann gibt es Menschen, bereits Erfahrungen mit Körperarbeit oder Tanz haben und daher mit dem Thema Verbindung schon vertraut sind, aber von der Technik noch keine Ahnung haben. Und dann gibt es auch Menschen, die gar nicht aus dieser Workshopwelt kommen. Das ist auch immer ganz spannend, wenn Menschen noch gar keine Ahnung haben, wie sich das anfühlt, was da für Prozesse passieren. Das erste Mal in einen Raum kommen. Und das ist immer eine ziemlich schöne Mischung, weil alle halt das mitbringen in die Gruppe, wovon die anderen lernen können.

Lea: Beim letzten Workshop hatten wir altersmäßig eine Spanne von Anfang 20 bis Ende 30 und beim ersten von Anfang 20 bis Ende 50. Das war eine arge Erfahrung, wenn du mit Mitte 20 einen Workshop leitest und dann kommt ein Mann von Ende 50 zu dir und sagt: „Das hat gerade voll mein Leben verändert.“ Das ist schon heftig, aber es ist so schön, dass Menschen anscheinend in unseren Räumen das Vertrauen fassen, sich so fallen lassen zu können, dass solche Prozesse passieren können. Wenn Menschen kommen und sagen: „Hey, das hat mich die ganze Woche noch beschäftigt und ich habe so vielen Leuten davon erzählt. Man merkt im Alltag, wie das nachwirkt.“ 

Beim Thema Bondage denkt man ja doch meistens gleich mal an Sex. Wie ist euer Zugang dazu?

Lea: Fesseln ist enorm vielfältig und das ist ja das Schöne und das entwickelt sich dann heraus von der Verbindung mit der Person, mit der man fesselt. In unseren Workshops passieren allerdings keine konkreten sexuelle Handlungen. Aber dann gibt es eben auch andere Fesselspaces, wo das auch passieren darf, wo es explizit auch erlaubt ist zu spielen und sexuell zu werden. Aber eben, damit wir in unserem Workshop den Safe Space gut beibehalten können, kann das dadurch, dass es eh schon sehr intensives Thema ist, vielleicht Personen überfordern, wenn manche zu viel in das Sexuelle gehen. Aber das haben wir nicht so explizit ansprechen müssen, das ist eigentlich sehr klar. 

Anna: Und ein ganz wichtiger Teil von dem, was wir machen, dreht sich ja um das Thema Machtdynamiken. So da mal ganz explizit reinzugehen, welche verschiedenen Rollen gibt es und wie fühlt sich das an, wenn man die bewusst mal einnimmt. Wir haben auch einen Block im Workshop, wo jeder sehr explizit eine Rolle einnimmt und die dann auch übt. Da sind wirklich Erfahrungen dabei, wo Menschen sagen: „Ich habe das mit dem Führen noch nie gemacht, aber das hat sich gerade voll stimmig und voll schön angefühlt und ich habe Kraft in mir gefunden.“ Dafür ist Fesseln einfach großartig, weil man das so explizit machen kann. Wenn ich weiß, dass ich jetzt nichts machen muss, kann ich mich komplett entspannen. 

Lea: Ich merke auch, dass ich weiblich sozialisiert bin und kenne das daher von mir, dass ich in der Sexualität, aber auch im Alltagsleben oder in der Arbeit, mich wohler gefühlt habe in der Rolle, geführt zu werden und die Verantwortung oder wichtige Entscheidungen anderen Personen zu überlassen. Und das Fesseln hat mir so sehr geholfen, da für mich selber ein Selbstbewusstsein aufzubauen und mir selber zuzugestehen: „Ich darf das, ich kann das. Ich darf führen, ich darf jetzt die Entscheidung treffen.“ Und trotzdem dann achtsam zu sein und nicht ungut dominant zu werden oder das Vertrauen, das mir die andere Person gibt, auszunutzen. Also ich habe einmal die Eigenverantwortung und dann die Verantwortung für die andere Person beim Fesseln und das finde ich super heilend.

Kann man eurer Erfahrung nach sagen, dass Männer eher zum aktiveren Part und Frauen zum passiven tendieren?

Lea: Da müsste ich zu den Begriffen aktiv und passiv auch was sagen. Also die Person, die sich hingibt, ist eigentlich gar nicht passiv. Die ist sehr aktiv, weil die Hingabe an sich eine bewusste Entscheidung ist. Die Person, die sich hingibt, ist voll im Spüren: „Was macht das Seil gerade mit mir, bin ich gerade in meinem Körper, bin ich gerade in meinen Gedanken, spüre ich gerade die andere Person oder nicht?“ Und ich fand das ganz spannend, dass auch das Thema aufgekommen ist im Workshop von „Bei mir ist gerade voll die Wut hochgekommen, als ich gefesselt worden bin; darf ich das überhaupt zulassen, wenn ich mich jetzt hingebe?“ Und klar, alle Gefühle sind willkommen, wenn ich gefesselt werde. Das ist ja in der Kommunikation so und das darf man ausdrücken. Wenn gerade Wut da ist, dann kann man die andere Person, die führt und fesselt, vielleicht ein bisschen provozieren zum Beispiel. Oder man kann auch während dem Fesseln auch kommunizieren und sagen: „Hey, bei mir ist das jetzt gerade da“ und das kann unterschiedlich ausschauen. Und es ist auch so, dass die Person, die gefesselt wird, zwar sozusagen die Kontrolle mal abgibt, aber immer nur Eigenverantwortung hat. Also man ist jetzt kein Seestern, der da einfach liegt, sondern sehr aktiv, auch was die eigenen Grenzen und Bedürfnisse angeht.

Anna: Also ich glaube im Endeffekt ist es eigentlich so, dass Fesseln für uns ein Tool ist, um Themen zu berühren, die uns wichtig sind. Und da ist Fesseln einfach so cool, weil das erstens Spaß macht, weil es schön ist. Und gleichzeitig löst sehr, sehr tiefe Sachen aus. Von außen wirkt es oft nicht besonders spektakulär, was da passiert. Deswegen passieren sexuelle Handlungen bei uns wahrscheinlich auch gar nicht, weil schon so viele andere Prozesse im Gang sind. Da tut sich innerlich so unfassbar viel und dadurch kann man ganz viele Themen berühren, zu denen man sonst schwer zurückkommt. Denn Grenzen spüren und aussprechen ist etwas, was wir nicht wirklich beigebracht bekommen. Das ist was, was Kinder nicht beigebracht kriegen, was wir nie lernen. Und das gilt nicht nur für Frauen, sondern genauso für Männer, das darf man nie vergessen. Und das ist was, was einfach Übung braucht. Alle, die da sitzen auf diesem Platz, glaube ich, brauchen Übung und Räume, um Grenzen zu spüren und aussprechen zu lernen. Und wir lernen selber immer noch wahnsinnig viel und wir stellen einfach die Räume zur Verfügung, wo Menschen das machen können. 

Lea Rigo
© Lea Rigo

Welches System benutzt ihr, um eure Grenzen zu kommunizieren? Eher das Ampelsystem oder habt ihr ein Safeword?

Anna: Also das magische Safeword ist „Stopp“. Dann haben wir auch noch das Ampelsystem.

Lea: Ja, das kann man auch super einfach verwenden, um zu präzisieren: „Okay, was passt jetzt gerade nicht? Passt gerade das Seil nicht, wie es ist, passt gerade die Berührung nicht?“ So weiß die fesselnde Person dann auch, was sie ändern kann. 

Lea: Ja. Ich glaube, das ist wirklich eine gute Übung, sich zu bemühen, das dann auch in Worte zu fassen und zu kommunizieren. Und eben auch so diese Sache, dass es vor einer Übung immer Zeit gibt, darüber zu reden: „Wo sind die Grenzen, was machen wir miteinander, was ist okay, was ist nicht okay, was wünschen wir uns?“ Im BDSM-Kontext ist das ja sehr üblich, dass man wirklich vorher darüber spricht, was passiert in einem sexuellen Rahmen. 

→ Zum Weiterlesen: Praktische Tipps für dein 1. Bondage-Abenteuer findest du in unserem BDSM-Guide. 

Anna: Weil alles, was wir erzählen, sehr körperarbeitsbetont und achtsam und so klingt. Man könnte vielleicht das Gefühl kriegen, dass wir uns vom Kink distanzieren wollen, aber wir sind beide sehr, sehr kinky Menschen und sehr kinkpositiv und sexpositiv. Wir bringen auch ganz viel, vermischen ganz viel Erlaubnis mit. Das ist was Schönes, dass man es ausprobieren kann und dass es absolut schön sein kann und Spaß machen kann, jemanden zu dominieren und das zu erfahren. Das ist absolut willkommen bei uns. Also ist nicht so, dass wir irgendwie das Fesseln reinwaschen und zum Yoga machen wollen, sondern es darf auch ruhig schmutzig sein, es darf ruhig diese kinky Dynamik haben. Das ist auch viel von dem Spielen, von dem spielerischen Vibe, das ist gerade spannend.

Anna: Das ist auch ein zentraler Aspekt bei uns. Denn man kann ja niemanden zur Unterwerfung zwingen, sondern die Hingabe ist immer ein Geschenk, das nur gegeben werden kann und nicht genommen. Es ist ein wahnsinniges Geschenk, die Handlungsmacht an jemanden abzugeben. Und die kann man jederzeit wieder zurückkriegen. Und es ist genauso ein Geschenk, von der Person, die gefesselt ist, die Macht und die Verantwortung mal anzunehmen und zu sagen: „Okay, ich bin gerade die Person, die das aktiv macht, und du kannst dich aufs Spielen einlassen.“

Lea: Wenn die Macht hingegen einfach genommen wird, ohne dass es ein bewusstes Geben ist, dann ist es nicht mehr im Consent (Hinweis: Siehe Wheel of Consent). Grenzen sind aber auch etwas Dynamisches. Und auch, wenn man im Vorfeld was abspricht, kann es sein, dass sich während der Fesselsession die Grenzen oder Bedürfnisseändern. Und das ist voll okay. Dass da ein Raum ist, dass sich das ändern darf, und dass es aber auch okay ist, wenn man es nicht schafft, die eigene Grenze zu spüren und zu kommunizieren. Es passiert auch, dass man über die eigenen Grenzen geht in dem Workshop, und das ist voll okay, weil es den Lerneffekt hat. Und das gehört dazu, denn wir sind alle nicht perfekt und es ist immer so, dass man im Alltag oder auch in solchen Workshops über die eigenen Grenzen geht. Man kann aber eben auch was draus lernen und ich kenne es von mir, dass ich mich oft dafür verurteile, dass ich jetzt nicht so zu meiner Grenze gestanden bin und ich sollte es eigentlich besser können. Aber genau deswegen gibt es ja die Übungsräume, wo es ein Safe Space ist und wo nichts Schlimmeres passiert, als dass da in dem Kontext jetzt eine gewisse Grenze überschritten ist, aber du weißt, du bist da in der Gruppe und aufgefangen.

Wenn wir jetzt über die Szene in Wien sprechen, wo würdet ihr euch da verorten? 

Anna: Es gibt verschiedene Initiativen und alle bringen ihre eigene Lust am Fesseln mit rein und was sie persönlich interessiert oder in der Gruppe. Sehr etabliert zum Beispiel ist der Hasenstall – sehr, sehr traditionell. Die machen wunderschöne Patterns, was man bei uns aber auch nicht lernen kann, so diese ganz komplexen Muster.

Anna: Unsere Richtung orientiert sich klar an Grenzen und Consent, weil es das auch in Wien nicht wirklich gibt auf regelmäßiger Basis. Ich erzähle Menschen viel von der sexpositiven Bewegung, weil das viel von meinem Aktivismus momentan ausmacht. Und manche fragen dann immer so: Wo kann man da hingehen, wo kann man Erfahrungen machen, wo kann man was über Grenzen lesen, über Consent und so weiter. Ich habe aber nichts gefunden. Vielleicht gibt es das, aber ich habe einfach noch nichts gefunden, wo ich guten Gewissens Menschen hinschicken würde. Also mir ist das alles ein Anliegen, weil das für mich eine intensive Reise war mit Consent und Grenzen und ich da für mich ganz viel Heilung erfahren habe. Und deswegen ist mir das so wichtig, dass es auch Räume dafür gibt, wo Menschen das erfahren und lernen können. Und ich glaube, das habe ich mir vorher noch gedacht, was ich ganz am Anfang gesagt habe, was alles zusammenhält, was ich gemacht habe bis jetzt, ist, dass mir der Aspekt des Empowerment wesentlich am Herzen liegt: Menschen zu ermächtigen, das zu machen, was sie wirklich wollen, und dazu Ja zu sagen.

Lea: Das ist auch so eine Enttabuisierung, also von ganz vielen Themen. Erst einmal von der eigenen Sexualität, weil Fesseln natürlich mit Sexualität verbunden ist, auch mal so Enttabuisierung von der eigenen Lust. Also das ist auch ganz oft meiner Meinung nach tabuisiert, das zu äußern. Das macht mir Freude, da habe ich Lust, weil es eben mit Macht zusammenhängt. Und Macht ist in unserer Gesellschaft oft so ein umstrittenes Thema wegen Machtmissbrauch und so weiter. Aber das Thema Macht von einer anderen Perspektive aus zu sehen, dass das jetzt nicht negativ bewertet sein muss, sondern in einem konsensuellen Rahmen passieren darf und Macht auch was Schönes sein kann und nicht immer mit Übergriffen zu tun haben muss, sondern es auch schön sein kann, die Macht anzunehmen und daraus sich selbst auszudrücken. Weil ich jetzt den Raum habe, auch kreativ zu werden, und andererseits die Handlungsmacht abzugeben ist ja auch Macht.

Anna: Und wir üben eigentlich einen ethischen Umgang mit Macht. Weil so viele unbewusste Machtdynamiken passieren und das sind auch die Erfahrungen, wo Menschen dann sich zurückmelden und sagen, hey, mir fällt das jetzt erst auf in welchen Situationen, wo die Machtverteilung ist. Ganz oft ist es sehr, sehr unbewusst und nicht ethisch. Unser fesseln, unsere Workshops sind der Raum, wo wir ethischen Umgang mit Macht üben wollen miteinander. Spielerisch und lustvoll.

Lea: Ja, auch wieder hervorzuheben, ganz wichtig, neben der Tiefe auch wieder in die Leichtigkeit reinzukommen. Das ist uns zwei auch einfach aufgefallen, dass wir oft so keinen Bock haben, in der Tiefe dann rumzulungern, also philosophisch und Selbsterfahrung. Es gibt einfach sehr viel Schwere mit und Seile sind halt ein gutes Tool, einerseits tief einzutauchen aber dann auch wieder in das Spielerische reinzukommen. Und das ist so faszinierend.

Lea: Übrigens: Fesseln kann man auch mit einer Interviewmetapher erklären. Und zwar: Fesseln ist wie ein Interview geben: Die Person, die die Seile hat und fesselt, gibt die Fragen vor und kriegt dann natürlich Antworten von der Person, die gerade gefesselt wird. Und ein gutes Interview ist es dann, wenn man nicht starr einer vorgefertigten Struktur folgt,  sondern eben aus den Antworten neue Fragen kreiert, die tiefer gehen, als meine Struktur, die ich vorbereitet habe.

Und das ist beim Fesseln komplett das Gleiche. Ich will was von der anderen Person herausfinden. Das ist ja das, von was wir immer reden. Was will ich rausfinden, was macht mir Lust, was finde ich spannend an der Person, was gibt mir die Person zurück? Gibt sie mir was zurück gerade und wenn ja, dann reagiere ich da am besten drauf so. Also immer das Antworten und wieder Frage stellen mit den Seilen so.

Also Fesseln als eine Form der Kommunikation. 

Anna: Ja. Und das Seil ist eben das Kommunikationsmedium und wir bauen es langsam auf, fühlen zuerst nur den Körper ohne Seil. Irgendwann kommt das Seil dazu. Wenn Menschen Seile in die Hand nehmen, ist es oft so: Oh, ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Viel Unsicherheit und keine Technik. Und deswegen bauen wir es so auf, dass erstmal das Gespür von Führen und Sicherheit da ist. Ich weiß, wie ich jemanden bewegen kann, was möglich. Und dann nehmen wir das Seil dazu. 

Für alle, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind: Was sind denn die nächsten Events?

Anna: Unser Workshop „Conscious Bondage“ wird dieses Jahr noch zweimal in Wien stattfinden:  Und zwar am am 15. und 16. Oktober und am 3. und 4. Dezember. Die Locations sind noch nicht ganz fix, aber alle Infos werden rechtzeitig auf der Website www.querverbindungen.at bekanntgegeben. 

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