Frederike Ferkova
Dick-Pics:Wir haben nicht danach gefragt!
„Anders als in Deutschland (§ 183 dStGB) oder der Schweiz (Art 194 schwStGB) ist es in Österreich nicht strafbar, Frauen durch exhibitionistische Handlungen zu belästigen, nicht einmal im analogen real life.“
Ein weit verbreitetes Problem ohne rechtliche Konsequenzen
Vor zirka drei Wochen bekam ich aus dem Nichts – nach wirklich sehr, sehr langer Zeit – einen Dickpic zugeschickt. Das hat mich verwundert: Immerhin ist man am meisten doch als minderjähriges Kind betroffen. Zu meiner Zeit auf MySpace, die weiblichen Kinder von heute auf Snapchat. Aber das Problem ist nicht nur das jugendliche Alter der Betroffenen, sondern die Tatsache, dass es nach wie vor „normal“ zu sein scheint, Frauen und Mädchen in sozialen Medien ohne rechtliche Konsequenzen ungefragt mit Dickpics zu belästigen.
Digga, warum machst du das?
Ungefragte Dickpics sind jedoch nicht nur ein „legaler“ Weg, um Pädophilie auszuleben. Sie werden auch erwachsenen Frauen im Internet zugeschickt, um den eigenen Exhibitionismus auszuleben. Laut einer Studie aus England gaben 22 % der Befragten an, die jemals ein Dickpic verschickt haben, dass sie dies ohne Aufforderung taten. Als Begründung nannten sie oft die Hoffnung, es würde das weibliche Gegenüber erregen oder zu einem ähnlichen Rückzug führen.
Das nehme ich diesen Männern nicht ab. Erstens: Der Fotograf meines Dickpics versuchte kürzlich auch, eine Freundin zu beeindrucken. Ohne Erfolg. Welcher Gedankengang führt einen Mann dazu, ungefragt Dickpics zu verschicken, wenn es nicht funktioniert, und er es bei der nächsten Frau genauso versucht? Genau, gar kein Gedankengang. Ich glaube, dass das Versenden an sich, der Tabubruch und das Übertreten weiblicher Grenzen das ist, was ihn anregt – das Versenden seines Schwanzes als Kink, der Adrenalinausstoß als Turbo für die Masturbation.
Deshalb fand ich schnell Frauen auf Instagram, die bereit waren, in den nächsten zwei Wochen ihre Dickpic-Absender auf mein Profil zu lenken. Während dieser zwei Wochen postete ich in meiner Instagram-Story halbnackte und anzügliche Bilder mit der Ankündigung, ich würde OnlyFans eröffnen. Klar und deutlich: Ich mache kein OnlyFans.
Persönliche Erfahrung: Die Reaktion auf ungefragte Dickpics
Ich habe meine eigene Sexualisierung bewusst an die Spitze getrieben, damit sich Männer eingeladen fühlen, mir ungefragt ihre Dickpics zu schicken. Doch hier die Krux: Selbst wenn ich Sexarbeit machen würde, bedeutet das nicht, dass es in Ordnung ist, mich mit Bildern von erigierten Penissen zu bombardieren – vor allem, wenn ich nicht darum bitte. Das Argument „asking for it“ – wie Kleidung bei einer Vergewaltigung – ist längst überholt, da es die Verantwortung vom Täter auf das Opfer verschiebt. Die meisten Frauen, die ungefragt Dickpics bekommen, zeigen sich in Alltagskleidung. Mädchen auf Snapchat zeigen ihren Schulalltag.
Was bringen wir diesen Frauen und Mädchen bei?
„Wenn du keine ungefragten Dickpics willst, versteck dich. Halte den Mund. Zeig dich nicht. Poste nichts.“ Es ist ein weiteres Instrument des Patriarchats, Frauen zu unterdrücken und uns das Gefühl zu geben, dass wir letztlich nur Objekte sind. Egal wie viel wir lernen, arbeiten oder wählen dürfen: Am Ende bist du nur jemand, zu dem gewichst wird.
Gesellschaftliche Perspektive und rechtlicher Rahmen: Warum wird nicht gehandelt?
In Österreich ist es schwierig, sich gegen Dickpics zu wehren. Stell dir vor, du gehst spazieren, und ein Mann holt seinen erigierten Penis heraus. In Deutschland oder der Schweiz fällt das unter den Strafbestand des Exhibitionismus, weil es sexuelle Belästigung ist.
Länder wie Deutschland, UK oder Finnland haben erkannt, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf, besonders nicht für Frauen und Minderjährige, die diesen Übergriffen sonst ohne Schutz ausgesetzt wären.
In Österreich ist es hingegen legal, fremden Menschen ungefragt Genitalbilder zu schicken und zu zeigen – daher kann ich diese Bilder auch völlig legal sammeln.
Die schwarz-grüne Regierung wollte das Problem angehen. Plakolm (ÖVP) forderte das grüne Justizministerium auf, endlich gegen Dickpics vorzugehen. Das Ministerium bereitete daraufhin eine Regelung vor, die Dickpics als Verwaltungsübertretung einstufen würde. Das hieße, dass das Versenden von Dickpics rechtlich mit Falschparken vergleichbar wäre. Plakolm kritisierte dies zu Recht als „völlig verharmlosend“.
Letztlich kam es zu keiner weiteren Verhandlung. Was mich ehrlich wundert, ist, dass die Grünen hier nicht proaktiver waren, insbesondere da Klubchefin Sigi Maurer selbst mit ihrem Dickpic-Fall in den Medien war.
Auswirkungen auf Betroffene: Ein Thema, das alle angeht
Der Schutz von Frauen und Minderjährigen sollte kein politischer Zirkus sein. In Zeiten steigender Femizide, deren Ursprung die Objektifizierung von Frauen ist, sollte der Staat alles tun, um uns als Menschen mit Würde und Schutz zu betrachten. Wenn jede zweite Frau angibt, schon einmal ein Dickpic erhalten zu haben, handelt es sich um ein Thema, das Männer gleichermaßen unterstützen sollten, um ihre Partnerinnen, Freundinnen, Schwestern und Nichten zu schützen. Frauen sind desensibilisiert auf Respektlosigkeiten und Objektifizierungen dieser Art – aber das bedeutet nicht, dass es in Ordnung ist.
Da ich in Österreich weder über Verwaltungs- noch Strafrecht gegen Dickpics vorgehen kann, habe ich den Weg der Unterlassung gewählt. Insgesamt habe ich sechs Dickpics erhalten, vier davon werde ich anzeigen. Die anderen zwei nicht, weil hier die Grenzen des Konsens verschwimmen – wie oft im Bereich Sexualität. Ich möchte nur das ungefragte Versenden zur Anzeige bringen. Sobald ich auf ein oberkörperfreies Bild antworte, entsteht ein codierter Konsens – so sehe ich das zwar nicht, aber das Gericht möglicherweise.
Mein Anwalt, Dr. Springer, erklärt:
“Anders als in Deutschland (§ 183 dStGB) oder der Schweiz (Art 194 schwStGB) ist es in Österreich nicht strafbar, Frauen durch exhibitionistische Handlungen zu belästigen, nicht einmal im analogen real life. Dabei handelt es sich um eine hochproblematische Regelungslücke – denn von so einem bedrohlichen Verhalten geht eine erhebliche Einschüchterung hervor.”
Ich kenne Frauen, die nach solchen Vorfällen noch jahrelang Angstzustände haben – insbesondere weil sie in der Situation nicht wissen, wie weit der Täter noch gehen wird.
Diese Gesetzeslücke ist leider typisch für die Altherren-Mentalität der Strafgesetzgebung, die im Gewand eines falsch verstandenen Liberalismus daherkommt. Erst recht betrifft die Regelungslücke auch die digitale Öffentlichkeit, wobei dort die Verletzung der Menschenwürde im Vordergrund steht.
Die Initiative von Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm, derartige Übergriffe unter Strafe zu stellen, ist daher sehr zu begrüßen – wobei eine Ausdehnung auf die reale, analoge Welt noch wichtiger wäre. Leider tritt hier die Justizministerin Alma Zadić, geleitet von falsch verstandenen Tendenzen zur Deregulierung und Entkriminalisierung, auf die Bremse. Es gibt einen Entwurf des Justizministeriums, in dem vorgeschlagen wird, das Versenden von Dickpicks im Verwaltungsstrafrecht zu regeln. Mit einer Gleichsetzung eines solchen schwerwiegenden Übergriffs mit kleinen Verkehrsdelikten, dem Verunreinigen der Straße, der Verletzung der Sperrstunde mit lauter Musik – also der Erklärung zum Kavaliersdelikt verhöhnt man nicht nur die betroffenen Frauen, man wirft sich auch vor praktische Probleme:
Bei der Polizei erfolgt eine ganz andere Priorisierung und auch die Ermittlungsbefugnisse, um den Täter auszuforschen sind ganz andere. Handelt es sich um eine reine Verwaltungsübertretung, wäre keine Handyabnahme möglich, um den Vorwurf nachzuweisen, auch eine Identifikation des Täters über den Handyanbieter wäre nicht möglich. Der Zadić-Vorschlag wäre praktisch totes Recht.
Im geltenden Recht ist es noch schwieriger: An sich ist es möglich, gegen Täter vor den Zivilgerichten ein Unterlassungsurteil, unter Umständen auch eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Dafür müssen die Betroffenen aber erhebliche Zeit und Geld für Anwälte, Gerichtsgebühren und Detektive investieren, da hier der Staat seiner Schutzfunktion nicht nachkommt.
Das habe ich getan. Ich habe die Dickpic-Männer mit Mühe und Not ausgeforscht und gehe den Weg der Unterlassung. Aber in dieser rechtlichen Umgebung ist es kein Wunder, dass Frauen wenig beeindruckt, einfach den Chat wegklicken und den Mann wahrscheinlich nicht mal mehr melden. Auch wenn ich diesen Anlass-Dickpic schulterzuckend hinnehmen könnte, weil “es ist halt so”: Nein. Ich lass mich nicht mehr von irgendwelchen Würstchen im Internet degradieren.
Zu dieser Nachricht nur: Es handelt sich auch hierbei um die Objektifizierung und Sexualisierung einer Frau (in dem Fall ich) auf Instagram und nicht auf einer einschlägigen Plattform, wo diese Frage okay oder angebracht wäre.
Ich habe einige wirklich belustigende Nachrichten bekommen, einige Male war ich kurz davor, doch ein Dickpic zu bekommen. Ich könnte davon erzählen wie Ex-Arbeitskolleg*innen oder entfernte Familie oder gar meine Ex-Partner reagiert haben. Ich habe sicher einige Dickpics verloren, weil mich die Klimakrise beschäftigt hat oder ich feministischen Content gepostet habe. Ich könnte davon erzählen, wie Frauen auf meine Only Fans-Ankündigung reagiert haben. Wir könnten das hier zu einer lustigen Geschichte machen, einer von belustigender Eifersucht und Lust. Einer von seltsamen Blicken in Meetings und einer von “He, wann kommt jetzt dein OnlyFans”-Gesprächen.
Aber ich entscheide mich dagegen, das hier zum Tagebuch meines Experiments werden zu lassen, weil ich möchte, dass sich alle auf das Wesentliche konzentrieren: Den Schutz von Frauen. Das Aufstehen gegen Unrecht und gegen die weibliche Objektifizierung und sexuelle Belästigung. Wer davon hart wird, wenn er die Anstandsregeln einer fremden Frau verletzt, hat es nicht weit andere Grenzen im realen Leben zu missachten.Und auch wenn nicht, legt er den Grundstein dafür. Konsens darf keine Option sein.
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