Karin Spiegl

101 Orgasmusarten

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„Über den weiblichen Orgasmus wurde schon immer viel spekuliert – vorzugsweise eine ganze Menge Unsinn. Aber lest selbst.“

101 Orgasmusarten: Was ist dran an Coregasm & Co.?

Füttert man Google mit dem Begriff Orgasmusarten, wird man schnell fündig. Das Thema scheint ein echter Traffic-Magnet zu sein. Kein Wunder bei den Headlines: „9 Wege auf Wolke 7 – die Orgasmusarten einer Frau“ oder „12 Orgasmus-Arten, die Frauen erleben können“ – das klingt ja wirklich vielversprechend. 

Aber: Schon nach dem 3. Beitrag bin ich dezent genervt, denn irgendwie gleicht hier ein Text wie ein Ei dem anderen. 9 bis 12 Orgasmus-Arten soll es geben, gelistet werden so illustre Beispiele wie „Coregasm“ (ein Orgasmus, der während eines Workouts entsteht), der „mentale Orgasmus“ (Orgasmus durch reines Kopfkino, also völlig ohne Berührung) oder – jetzt wird‘s spannend – der „orale Orgasmus“ (und nein, gemeint ist hier nicht das Happy End nach einem Lick Job, sondern ein Orgasmus in Folge eines Blow Jobs – das nenne ich mal Freude am Geben). 

Ladies, ganz ehrlich: Wenn auch nur eine unter euch ist, die schon mal mit derartigen Erlebnissen gesegnet wurde: Bitte meldet euch bei mir, ich geb euch ein paar Drinks aus und will ALLES darüber wissen. Ich trau mich jedoch zu behaupten, dass sich der Großteil der geneigten Leserinnen jetzt eher folgendes denkt, nämlich „WTF! Es gibt Frauen, die schon beim Gedanken an Sex kommen und bei mir klappt‘s manchmal nicht mal, wenn ich tatsächlich welchen habe – was zur Hölle stimmt denn nicht mit mir?“ 

Siehst du, und genau deswegen finde diese Art von Artikeln problematisch, denn: Meine Liebe, mit dir stimmt alles – in diesen Beiträgen werden ganz einfach Ausnahmen zur Regel gemacht. Mit Sicherheit gibt es Frauen, die beim bloßen Gedanken an Sex kommen, ebenso wie es Menschen gibt, die auf Nagelbrettern sitzen oder eine Eisenstange mit der bloßen Hand zerschlagen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass du und ich das auch können werden, wenn wir es bloß lange genug üben oder nur intensiv genug manifestieren. 

Um uns einen Weg durch den Orgasmusdschungel zu bahnen – und euch eine etwas differenzierte Analyse abseits vom Clickbaiting zu bieten –, habe ich ein paar Studien gewälzt und einige super spannende Dinge herausgefunden. Die wichtigste Erkenntnis: Über den weiblichen Orgasmus wurde schon immer viel spekuliert – vorzugsweise eine ganze Menge Unsinn. Aber lest selbst. 

Alice schwarzer Sigmund Freud frau in unterwäsche

Von Freud bis Alice Schwarzer: Der weibliche Orgasmus am Seziertisch 

Eigentlich irre, wie viele Mythen sich um den weiblichen Orgasmus ranken. Ein Thema, das immer schon besonders leidenschaftlich diskutiert wurde: Der so genannte vaginale Orgasmus. Den Stein ins Rollen brachte Sigmund Freud: Vaginale Orgasmusunfähigkeit (aka Frigidität), so der Begründer der Psychoanalyse, sei ein klares Anzeichen für sexuelle und psychische Unreife, wenn nicht sogar Geisteskrankheit. Psychosexuell reifen Frauen hingegen würde selbstverständlich ausschließlich der vaginale – also durch Penetration herbeigeführte – Orgasmus zuteil werden. Klitorale Orgasmen hingegen klassifizierte Freud als „minderwertig“. Ääähm – okay. 

1975 polarisierte EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer in ihrem Longseller „Der kleine Unterschied“ mit der Ansicht, der vaginale Orgasmus sei schlicht überhaupt nicht existent: 

„Es gibt keinen vaginalen Orgasmus. Er ist eine physiologische Absurdität, denn die Vagina hat so viele Nerven wie der Dickdarm, das heißt: fast keine. Ihr Hauptteil kann ohne Betäubung operiert werden. Frauen wissen selbst sehr gut, dass sie ein Tampon gar nicht spüren. In der Vagina spielt sich schlicht nichts ab.“ 

Autsch. Was wohl Freud dazu gesagt hätte? Schade eigentlich, dass die beiden sich nie begegnet sind… Aber zurück zum Orgasmus-Diskurs: Ist der vaginale Orgasmus tatsächlich nur ein von (alten weißen) Männern erfundener Mythos, quasi um der Penetration durch den Penis eine Monopolstellung zu sichern? 

woman fingering grapefruit
© Taras Chernus

Vaginaler versus klitoraler Orgasmus: Das sagt die Wissenschaft

Rund 50 Jahre später existieren erfreulicherweise einige handfeste Untersuchungen und Studien, die sich intensiv mit dem Thema des weiblichen Orgasmus beschäftigen und wissenschaftlich fundierte Zahlen liefern. Hier der aktuelle State of the Art, wie von Dr. Emily Nagoski in der brandaktuellen und erweiterten Neuauflage des New York Times Bestellers „Come as you are“ ausgeführt: 

Weniger als ein Drittel aller Frauen erlebt ausschließlich durch vaginale Penetration einen Orgasmus. Über 70 % aller Frauen benötigt die Stimulation der Klitoris, um zu kommen. 

So weit, so gut: Aber worin unterscheidet sich die Orgasmusfähigkeit dann? Warum „können“ manche Frauen vaginal kommen, der Großteil jedoch nicht? Gibt es vielleicht anatomische Besonderheiten, die die vaginale Orgasmusfähigkeit begünstigen? 

Jüngste Untersuchungen der Sexualforscherinnen Kim Wallen und Elisabeth Lloyd im Bereich der Genitalanatomie legen nahe, dass es diese tatsächlich geben könnte: Augenscheinlich erhöht ein kürzerer Abstand zwischen Klitoris und Harnröhrenausgang die Wahrscheinlichkeit, einen Orgasmus während des Geschlechtsverkehrs zu erleben, um ein Vielfaches.

Fun Fact am Rande: Dieser Zusammenhang wurde bereits 1924 das erste Mal eingehend untersucht – und zwar ausgerechnet von Marie Bonaparte, einer französischen Psychoanalytikerin, die eine enge Freundschaft zu Freund verband. Im Gegensatz zu ihm wusste sie jedoch um die Bedeutung der Klitoris: 

„Die Klitoris ist für alle Frauen das zentrale Organ der sexuellen Lustgefühle, und das trotz der diffusen Empfindlichkeit der Vagina, der es niemals gelingen wird, die Klitoris zu ersetzen. Weil die Klitoris dem Penis entspricht (…) kann die normale Frau ohne sie ebenso wenig lustvolle Kontakte erleben wie der Mann ohne seinen Penis.“

(Marie Bonaparte, 1924, unter dem Pseudonym: A. E. Narjani: Considérations sur les causes anatomique de la frigidité chez la femme. In: Journal Médicale de Bruxelles. 27. April 1924)

Um den „optimalen“ Abstand zwischen Klitoris und Harnröhre zu kreieren, entwickelte Marie Bonaparte schließlich eine OP-Technik, die sie auch an sich selbst durchführen lies. Leider mit fatalem Ergebnis, da – wie man heute weiß – bei dem Eingriff die zur Klitoris führenden Nerven und damit die Hoffnung auf einen Orgasmus für alle Ewigkeit zerstört wurde. 

Was lernen wir daraus? Ohne Stimulation der Klitoris geht (in den allermeisten Fällen) gar nix. Denn selbst am vaginalen Orgasmus ist sie mit ihrem weit verzweigten Nervensystem beteiligt. 

→ Zum Weiterlesen: In ihrem ausführlichen Artikel „Hallo Klitoris!“ beschäftigt sich unsere Redakteurin Doris ganz genau mit der Anatomie der Klitoris – und freut sich, dass diese nun (ab 2022!!!) erstmals in Schulbüchern anatomisch korrekt dargestellt wird, nämlich als 10 cm langer Organkomplex (und nicht mehr wie bisher als erbsengroßes Köpfchen).

Doch nochmal zurück zu den eingangs erwähnten Orgasmusarten. Dazu Emily Nagoski in „Come as you are“:

„Despite the painstaking efforts of women‘s magazines and even researchers to identify and label the various kinds of orgasms we could be having – G-spot orgasms, blended orgasms, uterine orgasms, vulval and all the rest – there can be only one. There‘s just the sudden release of sexual tension, generated in different ways.“

Mehr dazu in meinem nächsten Beitrag: Dann schauen wir uns nämlich genau an, was beim Orgasmus in unserem Körper passiert. 

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